Ich werde jetzt digital aktiv. Mit echtem Geld.

Tja, da hat er uns ordentlich den Kopf gewaschen, der Herr Lobo. Seine Rede zur Lage der Nation (YouTube) ist, wenn auch nicht immer unter diesem Namen, Tradition auf der re:publica. Und Tradition ist auch, dass er dabei nicht nur anprangert, dass der gesellschaftliche Stellenwert von Netz- und Digitalpolitik gen Null geht, sondern eben auch, dass er uns™ die Schuld daran gibt. Dieses Jahr war es aber anders als sonst. Sascha Lobo war sehr konkret in diesem Jahr, er war sehr anklagend und ich glaube, er war wirklich angepisst. Das merkte man vor allem, wenn er Zwischenrufe, die er sonst beantwortet, nur mit einem zynischen „Danke“ beschied oder Applaus an den falschen Stellen im Keim erstickte.
Ich fand ihn genial in diesem Jahr und das obwohl sein Vortrag recht vorausschaubar war, was aber angesichts der Dinge, die dem Internet und uns als Gesellschaft in den letzten 12 Monaten passiert sind, auch kein Wunder ist.

Mit dem Vergleich zum Engagement unserer Elterngeneration für Umweltschutz legt er den Finger zielsicher in die Wunde: Wir twittern fleißig, was uns alles anpisst, aber unsere Eltern überweisen an alle die NABUs, Vogelschutzbünde und ADACs da draußen. Und diese Überweisungen machen den Unterschied zwischen erfolgreicher Lobbyarbeit und dem Sturm im Wasserglas, den wir regelmäßig erzeugen und der es hin und wieder ins Nachtmagazin schafft.

Gesellschaftliche Veränderung braucht lange, ist anstrengend und nicht ohne die Politik zu machen. Die Spielregeln für diese Politik machen aber nicht wir. Oder, um es mit Lobo zu sagen, auch 100.000 Leute, die eine Onlinepetition „unterzeichnen“, interessieren in Brüssel keinen. Zumal, wenn anderswo 120 Hauptamtliche für die Rechte eines Vogels kämpfen.

Eigentlich müssten wir uns zuhause fühlen, eigentlich müssten wir wissen, wie es geht. Schließlich ist es etwas, das wir jeden Tag diskutieren, was da passiert: Aufmerksamkeitsökonomie.

Lobo hat es bewusst auf die Frage zugespitzt, wieviel uns das Netz und alles, was es für uns bedeutet, wert ist. In Euro.

Lobos Brandrede war nicht die einzige Session zum Thema Netzpolitik, im Gegenteil – natürlich war auch in diesem Jahr das Thema omnipräsent, mehr denn je vielleicht und nötiger denn je auch. Das Wissen, was schon legal alles falsch läuft im Netz, wird nicht weniger schmerzhaft dadurch, dass andere Länder völlig desinteressiert an den Grundrechten des einzelnen agieren, ohne sich um Recht und Gesetz zu scheren. Und Deutschland mit seinen drei Geheimdiensten ist da wahrscheinlich keinen Deut besser und dem Überwachungswahn genauso verfallen wie andere. Sieht man ja recht gut daran, mit welchem Feuereifer man sich gegen die Spähangriffe zur Wehr setzt. Nicht.

Und nu? Uns hat er adressiert, also auch mich. Ich habe mich zu jeder Sekunde angesprochen gefühlt. Alles scheiße, aber ich war nicht bei den Demos zu PRISM, Tempora und Co. auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Alles scheiße, aber außer einer einmaligen Spende an netzpolitik.org habe ich noch nix zu Stande bekommen. Alles scheiße, aber das höchste der Gefühl ist ein Retweet.

Also habe ich darüber nachgedacht, was ich jetzt konkret tun kann und vor allem, was ich tun will. Und wieviel mir das Netz wert ist. In Euro.

Zunächst mal möchte ich mehr über das Thema sprechen und schreiben und zwar gezielt mit Leuten wie meinem Vater und seinen Generationsgenossen. Die fanden die Startbahn West in Frankfurt scheiße, Pershing II und die Volkszählung auch. Wenn die verstehen würden, was hier gerade passiert, wären die für uns, was die YouTuber bei ACTA für uns waren.

Und dann möchte ich einen der Lobbyvereine durch meine Mitgliedschaft unterstützen, auch wenn Lobbyismus generell eher Teil des Problems als Teil der Lösung ist. Aber alternativlos ist es wohl auch. Dazu werde ich in den nächsten Tagen die Satzungen von D64, der Digitalen Gesellschaft und von Digitalcourage studieren und schauen, was am besten zu mir passt. Ich werde das ganze hier dokumentieren. Außerdem werde ich einen Dauerauftrag für netzpolitik.org einrichten, denn nachhaltige Finanzierung ist für Markus Beckedahl und Co. ein Problem, das haben sie ja bei der rp13 offen kommuniziert und daran hat sich letztlich nix geändert.

Das ist nicht viel? Stimmt, aber wenn ihr das alles auch macht, ist es vielleicht schon genug, in jedem Fall aber mehr als bisher.