Vom bargeldlosen Bezahlen

Ich war vor ein paar Tagen in einer Bankfiliale – am Einzahlautomaten. Das ist für mich zu einer Art Alltagsroutine geworden, weil in meinem Flur ein leeres Marmeladenglas steht, in das ich abends beim Heimkommen alle Münzen reinschmeiße, die ich in meinen (Hosen-)Taschen finde. Und irgendwann, wenn es voll ist, bringe ich sie zur Bank.

Dabei komme ich mir vor wie ein Siebenjähriger am 31. Oktober. Und obwohl ich gerne Kind bin und das auch oft auslebe, ist dieses Münzen sammeln etwas, was mich schon kolossal nervt.

Das ist nicht erst seit gestern so, aber deutlich schlimmer geworden, seit ich meinen Geldbeutel gegen das Crabby Wallet getauscht habe  – so ganz ohne Münzfach (lange bevor diese Geldbeutel Mainstream wurden!). Anfangs habe ich dann immer noch eine Münzbox dabei gehabt, was mir bei einigen Kumpels den Spitznamen „Busfahrer“ einbrachte. Das Teil nutze ich kaum noch (nein, nicht wegen des Spitznamens, ist eh zu spät – es passt schlichtweg nicht in die Hosentasche).

Seit ich im August für ein paar Tage in London war und erlebt habe, wie es sein könnte, bin ich ziemlich resigniert, was Bargeld angeht. Im öffentlichen Nahverkehr hält man beim Betreten der Station eine Kreditkarte mit NFC-Chip an den Kartenleser, beim Verlassen nochmal – und dann wird der Betrag für die gerade gemachte Fahrt direkt abgerechnet. Kein Stress, keine Oyster-Card mehr wie früher, bei der man das Aufladen vergessen kann. Einfach, schnell und sehr effizient. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. In London kann man wirklich überall kontaktlos mit der Kreditkarte zahlen, auch und gerade Kleinstbeträge.

Denn um die geht es mir. Um die drei Brötchen beim Bäcker, das Päckchen Kaugummi, um jede Form von Automaten – kurzum: alle die vielen Orte, die in Deutschland genau nur Bargeld nehmen, mich aber hassen, wenn ich ihnen einen Fünfziger hinstrecke. Sorry, ich habs mir nicht ausgesucht, kam aus dem Automaten.

Wir Deutschen haben einen an der Waffel. Versteht mich nicht falsch – ich fordere nicht, dass wir morgen eine bargeldlose Gesellschaft werden, wie sie zum Beispiel in Schweden langsam aber sicher Einzug hält. Denn das hat nicht nur Vorteile.

Soll mit Bargeld zahlen, wer will. Nur ich habe da eben keinen Bock drauf. In dem Wissen, dass mein Bäcker am Ende für Wechselgeld mehr bezahlt als für die Transaktionsgebühren meiner VISA-Karte, frage ich mich schon, was der Quatsch soll.

Die großen Lebensmitteleinzelhändler bieten jetzt nach und nach alle das kontaktlose Zahlen mit Kreditkarten an. Das freut mich sehr, weil es hoffentlich ein Bewusstsein schafft. Aber es hilft mir nicht. Bei denen konnte ich auch bisher mit EC-Karte bezahlen, mit der VISA geht es eh nur schneller, wenn ich unter 25 Euro bleibe (was ich aber meistens tue).

Künftig werde ich, sofern dieses Kickstarter-Projekt ausgeliefert wird, übrigens direkt mit meiner Pebble-Smartwatch zahlen können. Ich bin gespannt, wie das so ankommt an Deutschlands Kassen… 😀

Für die öffentliche Toilette, den Bäcker, den Kiosk, den öffentlichen Nahverkehr muss ich weiter Bargeld dabei haben. Und im schlimmsten Fall sogar Münzen.

Mit einigen Kumpels habe ich durch sanften Druck zumindest einen kleinen Kreis von Leuten aufgebaut, mit dem das Teilen und Überweisen von Geld jetzt schnell, bargeldlos und schmerzfrei mit der PayPal-App funktioniert. Einer kauft die Kino-Tickets, die anderen senden ihm schnell das Geld. Irgendwie toller, als von jedem 12 Euro einzusammeln, die dankenswerterweise von hämischen Freunden dann auch noch mit 20-Cent-Münzen gezahlt werden.

Es ist ja nicht so, dass es nicht eine ganze Reihe von FinTech-Startups gäbe, die tolle Lösungen und nutzerfreundliche Apps im Angebot haben. Blöderweise sind es wieder so viele, dass es genauso ist wie beim Chatten mit dem Smartphone: man braucht sie alle, um mit jedem interagieren zu können.

Das wiederum ist etwas, das die Schweden wirklich gut hinbekommen haben. Dort haben alle Banken gemeinsam den Quasi-Standard mit einer gemeinsamen App zum bargeldlosen Geldtransfer gesetzt. Und jetzt du, Deutschland.

 

  • martin

    Schöner Artikel, mir geht das ähnlich. Die Münzen sind auch furchtbar unhandlich.
    Bei unserem USA-Umzug habe ich den dicken deutschen Geldbeutel ausgemottet und trage seitdem nur noch eine schlanke Hülle für Kreditkarten mit mir herum, zusätzlich ein paar Scheine. Münzen braucht man hier nur für den Aldi-Einkaufswagen, sonst wirklich nirgends. Viele meiner Bekannten und Arbeitskollegen haben auch kein Münzfach im Geldbeutel. Selbst die Parkuhren nehmen (teilweise ausschließlich) Kreditkarten. Das die Akzeptanz für Plastikgeld und die Abwesenheit von Münzen hier anders ist, liegt zum einen aber auch daran, dass es einen $1-Schein gibt und zum anderen, dass die Amerikaner ein anderes Verhältnis zu Kleinstbeträgen haben. Da Preise in der Regel ohne Steuern ausgeschrieben sind, weiss man nie genau, was man zahlt. Und tut man das per Bargeld, wandert der Münz-Rest eben ins Tip-Jar, ganz normal hier.

    Kontaktlos zahlen kann man allerdings noch lange nicht überall, das ist auch hier erst im Kommen.

  • Robin Ritter

    Da hast du Recht. Ich bin jetzt seit gut zwei Wochen wieder in Schweden und noch nicht einmal Bargeld am Automaten abgehoben. Der einzige Grund in Schweden Bargeld dabei zu haben, ist um sich bei einer halb-legalen Uni-Party ein Bier zu kaufen. Alles andere geht immer bargeldlos. Schwedens kleinste Geldeinheit ist 1 Krone, etwa 11 Cent. Etwas kann aber 14,9 SEK kosten. Wer bargeldlos bezahlt, zahlt 14,9 SEK, wer mit Bargeld zahlt, 15 SEK. Unter Freunden kann man sich gegenseitig mit „swish“ Geld schicken, so wie du es schon beschrieben hast. Verglichen mit Whatsapp ist das etwa so, als würden wir in Deutschland uns noch Kurznachrichten auf Zettelchen schreiben, wie in der 5. Klasse, unter der Schulbank.
    Das letzte halbe Jahr war ich in München und hab am Anfang eine Spardose aufgestellt. Nach ziemlich genau 6 Monaten kamen 950g an „rotem“ Bargeld zusammen, also nur 1, 2 und 5-Cent Stücke, dass ich dann wie du auf die Bank getragen habe. Jetzt aus Schweden betrachtet kommt es mir vor wie aus einer längst vergangenen Zeit.

  • Lars Wittenberg

    Du sprichst mir aus der Seele. Für Aldi und Lidl Einkäufe nutze ich auch oft das kontaktlose bezahlen. Sehr nützlich ist das aber wenn man einen exakten Betrag mit Münzen zahlen muss. So zB Klo-Schranken am Bahnhof oder Autobahn-Rastplatz (SaniFair). Da nutze ich nur noch die NFC-Kreditkarte. Vorausgesetzt der Automat kann das. Neulich zum ersten Mal auf diesem Weg am Bahngleis ein Getränk aus einem Automaten gezogen. Schlimmer ist sind Supermarkt Einkäufe unter 5€. Eigentlich jede Mittagspause. Für eine EC-Karten Zahlung ist der Betrag zu gering, also Bargeld.
    Ich hoffe das nach Aldi und Lidl noch mehr große Märkte umstellen und nachziehen. Und was macht eigentlich ApplePay in Deutschland?

    • Also bei Rewe und Edeka habe ich inzwischen auch kein Problem mehr mit NFC-Zahlungen per VISA.

      • Lars Wittenberg

        Ok. Gut zu wissen. Hab da schon länger nicht mehr eingekauft bzw. nicht drauf geachtet.